Mut? Find ich gut!
Mutig? Mag ich.
Das will, fördere und fordere ich.
Eine Reflexion von Andreas Steffen
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Mut von Anfang an
MUT, so lautete die Abkürzung für meine Abteilung im ersten Job (1996) nach dem Studium: Multimedia und Telekommunikation.
Das hat viel mit Wahrnehmung, mit Sinnen und mit Dialog (nach außen wie innen) zu tun. Dazu gleich mehr. Beruflich ging es bei mir mit vielen Schritten und Schleifen weiter, definitiv nicht immer „auf einer geraden Linie“. Diesen roten Pfad erkenne ich erst im Rückspiegel.
Im Endeffekt sind meine bald 30 Jahre im Arbeitsleben „irgendwie schon von Beginn an“ auf dieselben Themen ausgerichtet:
Veränderung und Entwicklung (gern auch: Transformation, Change) ermöglichen, wo es erforderlich ist.
Katalysator und Impulsgeber sein, um Change anzustoßen und die Kompetenz zum Verändern aufzubauen und zu stärken.
Gemeinsam neue Zukunftsbilder, echte „Besser-Szenarien“ entwerfen – und daraufhin arbeiten.
Die richtigen (multidisziplinären) Menschen zusammenbringen, weil echte Veränderung nur selten ein Einzelsport ist.
Den Raum schaffen und halten, damit Wandel & Innovation gelingen – damit selbstlernende Systeme im Kleinen wie im Großen entstehen, die nachhaltig wirkungsvoll sind und bleiben.
Wagemut statt Übermut
Mut heißt für mich nicht, mit wehender Fahne ins Ungewisse zu stürmen. Aktivistischer Übermut ist keine Tugend, sondern ein zusätzliches, unnötiges und nur schwer zu kalkulierendes und oftmals kaum zu steuerndes Risiko.
Was ich meine, ist Wagemut: die Bereitschaft, trotz Unsicherheit den nächsten klugen Schritt zu gehen – mit offenen Augen, nicht mit geschlossenen.
Ja, Unsicherheit gibt es reichlich. Ob wir die Welt nun VUCA nennen oder, in der neueren Lesart, BANI – brüchig, ängstlich, nichtlinear, unbegreiflich: Vieles, was gestern noch absolut verlässlich war, sieht heute anders aus und morgen wieder komplett neu.
Mir hilft beispielsweise das Cynefin-Framework zu erkennen, wann welche Reaktion und Kompetenz gefragt ist. Das Modell unterscheidet, ob eine Situation simpel, kompliziert, komplex oder chaotisch ist – und macht klar: Nicht überall ist dasselbe Vorgehen erforderlich.
Wo Dinge einfach und bekannt sind, höchstens kompliziert, sind Routinen und Stabilität ein Segen. Wenn es jedoch komplex oder chaotisch wird, braucht es geistige Beweglichkeit, die Bereitschaft zum Ausprobieren und den Mut zum Improvisieren, für Fehler beim Experimentieren – um daraus zu lernen.
Genau hier liegt der Kern: Mut zum Wandel bedeutet, unbekanntes Terrain zu betreten, Improvisation zu wagen, wenn vorhandene Pläne nicht mehr greifen – und das Bewährte dort zu schützen, wo es bereits trägt.
Es geht also nicht um einen Wettkampf „Agilität gegen Stabilität“, sondern wir brauchen die kluge Balance aus beidem: Neues ausprobieren und zugleich das, was taugt und sich bewährt, an den richtigen Stellen verankern. Das ist kein Widerspruch, das ist angewandtes Wissen plus Handwerk.
Verwalten? Oder gestalten?
„Wollen wir den Status quo verwalten? Oder mutig die Zukunft gestalten?“
Diese Frage habe ich zuletzt oft in verschiedenen Runden gestellt. Die Antwort war stets sofort ein Ja (zum zweiten Teil der Frage).
Aber ist es wirklich so? Wollen wirklich alle, die Ja sagen, mutig sein? Und falls ja: Können sie es auch sein? Da habe ich aus Beobachtung und Erfahrung einige Zweifel.
Angst spielt an so vielen Stellen beim aktiven Gestalten als Bremse hinein:
„Aber was, wenn Fehler entstehen?“
„Und wenn es vielleicht schiefgeht?“
„Was passiert, wenn ich scheitere?“
„Wie wirkt sich das auf mich aus?“
Angst als cleveres Alarmsignal
Angst ist gar nicht schlimm! Im Gegenteil: Wenn unsere „Achtung!“-Sensoren Alarm schlagen – und wir es bewusst wahrnehmen können –, dann ist das super. Sofern wir danach in aktives Risikomanagement übergehen und uns nicht ausbremsen oder lähmen lassen.
Dazu braucht es nach meiner Erfahrung fünf Dinge:
Ausreichend Achtsamkeit, um genau diese Alarmsignale bewusst zu erkennen.
Analytische Kompetenz, um sie rational zu bewerten.
Steuerungskompetenz aktivieren, um daraus cleveres Risikomanagement abzuleiten.
Selbstbewusstsein (das bin ich, das kann ich) und Selbstvertrauen (das schaffe ich – allein oder im Team) aufbauen und stärken.
Transparenz und Vision: ein klares Ziel, wohin der Weg führen soll, was dabei herauskommt, was dadurch besser wird – und warum sich der Weg, die Arbeit, das Investment aus Zeit, Geld und Energie lohnt.
Das ist eine kompakte Selbstreflexion aus 30 Arbeitsjahren. Ebenso mit Blick auf fünf Jahre mit 5STEP.
Nicht allein damit!
Ein weiterer Blick in den Rückspiegel: 2019 stand ich mit einem Post-it in der feuchten Hand vor mehreren Hunderten von Menschen bei einem Barcamp und wollte damit einen Workshop pitchen.
Auf dem gelben Zettel stand: „Angst im Wandel“. Und ich hatte die bis tief hinein in den Magen spürbare Sorge, allein in einem leeren Workshop zu sitzen und Selbstgespräche zu führen. Es kam anders.
Es wurde der bestbesuchte Workshop des Tages. Erstaunlich viele Menschen, darunter etliche Führungskräfte, waren dankbar, endlich offen über die Angst vor Veränderung reden zu können. „Ich bin also nicht allein damit.“ Schon der Weg bis zu dieser Erkenntnis ist ein mutiger erster Schritt.
Typisch deutsch – muss das so bleiben?
„German Angst“ – diesen Begriff haben uns andere verpasst. Im Englischen ist er ein geflügeltes Wort für die typisch deutsche Neigung: erst die Risiken, dann die Bedenken, danach das Zögern – und am Ende steht zu oft der Stillstand. Manchmal trifft das durchaus zu. Eine unverrückbare Naturkonstante ist es nicht.
Und dieses Verhalten betrifft längst nicht nur „die Amtsstuben“ und das berüchtigte Beamten-Mikado. In der öffentlichen Verwaltung heißt Mut, trotz oftmals starrer Rahmen und seit Jahrzehnten/Jahrhunderten altbewährter Tradition den ersten Schritt ins bessere Neuland zu wagen, statt auf die einhundertprozentig perfekte Vorschrift zu warten.
In der Wirtschaft bedeutet der Wandel hin zum „German Mut“, konsequent in Innovation zu investieren, bevor der Weltmarkt einen dazu zwingt. Für Wissenschaft, Forschung und Lehre kann mutiges Handeln bedeuten, viele der gewohnten Pfade zu verlassen und wirklich Neues zu riskieren, auch ohne Erfolgsgarantie. Und für NGOs könnte es beispielsweise heißen, der eigenen Wirkung noch mehr zu trauen und sie mutig sichtbar zu machen, anstatt sich klein zu halten.
Always beta und Wünsche für die nahe Zukunft
Was ich mir als Mensch, als Bewohner und Bürger dieses Landes wünsche – für die öffentliche Verwaltung ebenso wie für Unternehmen der Wirtschaft und noch ganz andere Organisationen – ist genau dieser Switch:
Von German Angst zu German Mut.
Diesen Wandel will ich. Damit es besser wird. Damit aus dem Verwalten des Status quo wieder aktives Gestalten unserer Zukunft wird.
Damit Menschen in Behörden, Unternehmen, Hochschulen, Schulen, Forschung und NGOs nicht von ihren Ängsten ausgebremst, sondern von einem klaren Zielbild für ein gutes, besseres Morgen angezogen werden. Damit Veränderung nicht als Bedrohung erlebt wird, sondern als das, was sie sein kann: der Weg vom Jetzt zum Besser.
Das ist der Antrieb hinter 5STEP.
Wir schaffen Klarheit und Steuerungsfähigkeit und begleiten Transformation, die wirkt. Nicht nur eine nette Keynote und danach der nächste Workshop – sondern echte, nachhaltige Wirkung.
Weil Mut bei uns nicht nur ein hübsches Buzzword ist, sondern einer von drei Grundwerten (neben Professionalität und Achtsamkeit), nehmen wir uns selbst beim Wort:
Auch wir werden uns verändern. 5STEP wird „always beta“ bleiben und so gut wie nichts wird bei uns „für die Ewigkeit fix & fertig” sein, weil wir Wandel, den wir bei anderen begleiten, zuerst selbst leben. Und weil wir dadurch – durchs eigene Erleben und beständige Transformieren – authentisch und fundiert beraten können, nicht nur aus der Theorie heraus. Sondern ganz real und wirkungsvoll.
Ganz zum Schluss
Mut beginnt oft klein – mit dem ersten klugen Schritt. Dann mit dem nächsten. Und danach geht’s weiter mit dem übernächsten.
5STEP – nicht nur für Führungskräfte.
Lesetipps
Bücher, Studien und Impulspapiere
Impulse zur eigenen Veränderung (Steffen, A., Springer, 2019)
Menschen und Organisationen im Wandel (Steffen, A., Springer, 2019)
Agile Spielzüge (Steffen, A., Springer, 2020)
Angst im Wandel (Steffen, A., Schorlemmer, J., Mersch, L., NEGZ, 2023)
Kaizen für Kommunen (Steffen, A., Happel, M., Mersch, L., Angst, R., NEGZ, 2024)
Mehr Transparenz und Kompetenz für mehr Transformation (Steffen, A., Köhl, S., Janze, J., NEGZ, 2025)
Fachartikel
Warum es sich lohnt, über Ängste zu sprechen (Steffen, A., Wirtschaftspsychologie aktuell, 2023)
5STEP-Blogartikel
Angst: Was dabei im Kopf und Körper passiert (2023) 5STEP.org/blog/angst-kopf-koerper
Mein Gehirn und ich – wer hat das Sagen? (2025) 5STEP.org/blog/chef-im-kopf
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